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Interview mit Bawi Koszednar-Masuda vom Label anzüglich

Das Wiener Label 'anzüglich' haben wir erst vor ca. 2 Jahren auf der Ethical Fashion Show zufällig entdeckt. Da unser Laden mit den Marken, die wir bereits verkaufen, schon mehr als gefüllt ist und wir in der Regel auch nicht zwischen Marken abwechseln (langfristige Geschäftsbeziehungen gehören aus unserer Sicht zum Fairen Handeln dazu), müssen wir oft wie mit Scheuklappen durch die Messe laufen. Das wird natürlich den neuen kleinen Marken, die oft tolle Konzepte haben, nicht gerecht. Auch mal wieder so ein Dilemma, in dem wir stecken, wenn wir 'fair' wirtschaften wollen

Manchmal schafft es eine Marke aber doch an den Scheuklappen vorbei zu uns vorzudringen. Das war bei anzüglich so. Ihre tollen bunten Muster sprangen uns geradezu an. Und als wir dann noch erfuhren, was für ein super Projekt dahinter steckt, war es klar, dass wir eine neue Marke im Sortiment haben werden. Anzüglich arbeitet nämlich mit einer eigenen Schneidermanufaktur, was in der Modebranche sehr selten ist. Und sie beschäftigen in ihrer Schneiderei viele gehörlose Frauen, die auf dem normalen Arbeitsmarkt in Peru kaum eine Chance hätten. Und diese Frauen machen super schöne Sachen aus der hochwertigen peruanischen Biobaumwolle. Und sie sind stolz auf das, was sie herstellen und das sieht man ihnen richtig an. Ein überzeugendes Konzept!


Interview mit Bawi vom Label anzüglich

1. Stell dich doch bitte kurz vor: wie heißt du, wo lebst du? Wie alt bist du? Wie heißt dein Label?

Mein Name ist Bawi Koszdnar-Masuda, ich bin 36 Jahre alt und mein Label heißt anzüglich organic & fair.

 

2. Kannst du uns in 2, 3 Sätzen das Konzept deines Labels erklären?

Unser Konzept (Mission) ist es, faire und nachhaltige Mode für Frauen zu kreieren, die chic und langlebig ist.

 

3. Wann hast du dein Label gegründet und wie kam es dazu?

Mein Label habe ich 2006 gegründet. Mode zu kreieren war schon immer eine Leidenschaft von mir.

 

4. Woher kommt der Name deines Labels?

Anzüglich ist ein Wortspiel und kommt von Anzug, gut angezogen sein, und natürlich ein wenig aufreizend sein.

5. Hast du geplant, Unternehmerin bzw. Gründerin zu werden oder ist das eher 'passiert' (und wie)?

Für mich war das eine sehr natürliche Entwicklung. Ich habe immer versucht, meinen Träumen zu folgen, und da ich eine große Leidenschaft für das Handwerk habe und Dinge gerne selber mache, war die Selbstständigkeit, ich würde sagen, vorhersehbar :-)

 

6. Was hast du vor deiner Label Gründung beruflich gemacht?

Ich habe bei einer Trachtenschneiderin ein Praktikum gemacht. Erst dort habe ich richtig nähen gelernt und auch wie wichtig es ist, den weiblichen Körper zu verstehen, damit man mit der Kleidung, die man entwirft, Frauen dabei unterstützen kann, sich wohl zu fühlen.

 

7. Was wolltest du als kleines Mädchen beruflich machen?

Modedesignerin

8. Wie hat dein Umfeld auf deine Entscheidung, dich mit einer Modemarke selbstständig zu machen reagiert?

Dadurch das sich mein Leben durch meine Ausbildung und durch meine Passion dorthin entwickelt hat, war, denk ich, niemand überrascht und meine Familie und meine Freunde haben mich von Anfang an sehr unterstützt. Mein Bruder ist 2010 in das Unternehmen eingestiegen und wir betreiben es seitdem gemeinsam. Meine Mutter hat mir am Anfang, als ich noch alles selber genäht habe, beim Zuschneiden und Nähen geholfen. Meine Schwestern sind mit mir auf Messen gefahren und haben mich beim Verkauf unterstützt. Meine Freundinnen und Freunde unterstützen mich bei Events wie Modenschauen und Fotoshootings. Ich habe das große Glück, dass ich meine Selbstständigkeit und meine Modemarke auch dafür nutzen konnte, eine Gemeinschaft von kreativen Menschen aufzubauen. Und dafür bin ich sehr dankbar.

 

9. Hattest du Angst zu scheitern und hattest du einen Plan B?

Ja natürlich, die Angst zu scheitern schleicht sich bei jeder Präsentation einer neuen Kollektion ein.

10. Wie ist es für dich, Gründerin eines Labels zu sein? Spielt es dabei eine Rolle, dass du eine Frau bist?

Ich denke es hilft, dass ich in der Modebranche arbeite und es eine Branche ist, in der es normal ist, dass viele Frauen dort arbeiten.

 

11. Spielt Frauenförderung oder 'Women Empowerment' eine Rolle für dein Label?

Das ist einer der Gründe, warum wir unsere Produktionsfirma in Peru gegründet haben. Unser Betrieb hat seit 2017 das peruanische Fairtrade-Siegel. Wir glauben, dass wir mit fairen Arbeitsbedingungen und fairer Bezahlung unseren Mitarbeiterinnen die Möglichkeit geben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. In unserer Firma in Peru bieten wir seit Jahren immer wieder Schulungen zum Thema 'Women Empowerment' an und wir haben auch für 2019 wieder viele Schulungen geplant.

 

12. Was bedeutet Feminismus für dich?

Feminismus ist für mich ein Werkzeug, um Gleichberechtigung zu erlangen.

13. Gibt es für dich eine Verbindung zwischen Mode, Textilindustrie und Feminismus?

Ja, wir schaffen mit unserer Firma eine Verbindung. Erstens kreieren wir Kleidung für Frauen, in denen sie sich stark und selbstsicher fühlen. Zweitens wird die Kleidung von Frauen erzeugt, denen wir mit einem fairen und sicheren Arbeitsplatz die Möglichkeit geben ein selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben zu führen.

 

14. Kannst du anderen Frauen, die sich selbstständig machen wollen etwas mit auf den Weg geben?

Es ist wirklich wichtig, einen gute Plan zuhaben und sich über seine Ziele im Klaren zu sein.

 

15. Gibt es irgendeine Anekdote, die du uns erzählen magst, die bei der Gründung und dem Aufbau des Labels passiert ist und dir immer mal wieder in den Sinn kommt, weil sie so eindrücklich oder vielleicht auch so lustig oder absurd war?

Ja da gibt es einige Geschichten, das spannende für mich war der Aufbau der Firma in Peru.

Da ich nicht spanisch reden konnte, habe ich meine ersten spanischen Worte von meinen gehörlosen Mitarbeiterinnen gelernt und da ist es dann schon mal vorgekommen, das ich z.B. beim Einkaufen eine Arruja statt einer Aguja (Nähnadel) kaufen wollte.

 

16. Und da es auch für uns Selbstständige nicht nur Arbeit geben sollte, die letzte Frage: Wie entspannst du am Liebsten von deiner Arbeit?

Mit Reisen, Yoga, Putzen und gutem Essen in netter Gesellschaft.

 

Vielen Dank für deine Antworten, liebe Bawi :-)

 

Hier könnt Ihr Euch die Homepage und den Shop von anzüglich anschauen.  Ausgewählte Teile ihrer Kollektion findet Ihr auch bei uns.


Das Interview führten wir schriftlich mit Bawi im Februar 2019. Alle Fotos sind urheberrechtlich geschützt und im Eigentum von anzüglich (1. Foto: supermarché). Nicole Jäckle, März 2019.

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