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Interview mit Anna Liedtke, Gründerin von Lena Schokolade

Das zweite Interview zum Internationalen Frauentag mit Gründerinnen von Modelabels führen wir mit Anna Liedtke, der Gründerin des Modelabels Lena Schokolade.

 

Kennen gelernt haben wir Anna vor einigen Jahren in Berlin auf dem Heldenmarkt. Seit es den Heldenmarkt gibt, sind wir dort als Laden mit einem Stand vertreten und so lernten wir nach und nach auch viele der anderen regelmäßigen AusstellerInnen kennen. Anna war eine von ihnen. So lange sie noch nicht Mutter zweier kleiner Kinder war, fuhr sie immer mit einem bis oben hin voll gepackten Auto (ich glaube es war ein kleiner roter Polo) und ihrem Freund von Hamburg nach Berlin, um auf dem Heldenmarkt ihre Kollektion zu präsentieren. Annas 'Nachrichten auf Mode' fanden wir gleich super und nahmen sie in unser damaliges Sortiment auf. Nachrichten auf Mode sind Shirts oder Schals auf die ein kurzer Text gedruckt ist, der sich kritisch mit einem politischen Thema befasst wie Flucht, Kinderarbeit, Überfischung der Meere oder Gentechnik.

Doch nicht nur Sympathie und die politische Einstellung verbindet uns. Durch den sehr kollegialen Tipp von Anna kamen wir auf die kleine Näherei in Kenia, bei der Anna Teile ihrer Kollektion produzieren lässt. Und so kam es, dass die Longsleeve, Röcke und Babybodys unseres Eigenlabels Hirschkind ebenfalls in dieser durch die World Fair Trade Organisation WFTO zertifizierten Näherei in Nairobi genäht werden. Seither geben Anna und wir öfter gemeinsame Bestellungen auf, sprechen uns bei Farben ab und die Lieferung aus Kenia geht entweder zu uns nach Berlin oder zu Anna nach Hamburg und wir schicken sie dann jeweils weiter. Dafür sind wir Anna richtig dankbar, denn Kiboko ist eine Produktionsstätte, in der wir mit richtig gutem Gefühl produzieren lassen können.

Den größten Teil ihrer Kollektion näht Anna jedoch selbst in ihrem Hamburger Atelier. Aber das und wie es dazu kam, berichtet sie Euch am Besten selbst im nachfolgenden Interview.


Interview mit Anna Liedtke von Lena Schokolade

1. Stell dich doch bitte kurz vor: wie heißt du, wo lebst du? Wie alt bist du? Wie heißt dein Label?

Mein Label heißt Lena Schokolade und ich selbst heiße aber Anna Liedtke. Ich bin 36 Jahre alt und lebe in Hamburg

 

2. Kannst du uns in 2,3 Sätzen das Konzept deines Labels erklären?

Fairness und Respekt gegenüber Menschen, Tieren und unserer Umwelt, hierfür arbeite ich jeden Tag. Meine Kollektionen für Lena Schokolade entstehen in Hamburg, wo auch ein großer Teil direkt in meinem Atelier genäht wird. Ich verwende fair produzierte Bio-Baumwolle und nachhaltige und recycelte Materialien. Neben meiner Fashion-Kollektion habe ich meine Herzenssache und zwar die "Nachrichten auf Mode".

Mit dieser Kollektion möchte ich über wichtige Themen informieren wie die oft menschenunwürdige Behandlung von Migranten und Flüchtlingen oder Gen-Patente auf Saatgut.

 

3. Wann hast du dein Label gegründet und wie kam es dazu?

Nach der Modeschule war es mir ein großes Bedürfnis, die Oberflächlichkeit in der Mode mit Inhalt und Sinn zu füllen. So habe ich 2009 Lena Schokolade gegründet um mit Texten auf Shirts, Schals, Taschen auf wichtige Themen aufmerksam zu machen und zu informieren.

 

4. Woher kommt der Name deines Labels?

Es wäre in jedem Fall auch ein guter Geheimagenten Name :-)

5. Hast du geplant, Unternehmerin bzw. Gründerin zu werden oder ist das eher 'passiert' (und wie)?

Das habe ich nicht geplant, es war einfach die beste Möglichkeit, wirklich meine eigenen Ideen und Designs umzusetzen.

 

6. Was hast du vor deiner Labelgründung beruflich gemacht?

Vor Lena Schokolade habe ich einige Jahre in einer Filmproduktion, danach in Werbe- und PR-Agenturen gearbeitet. Nebenbei habe ich im Abendstudium Werbung und Marketing studiert. Irgendwie hatte eines das andere ergeben ohne, dass ich mich richtig bewusst dafür entschieden hatte. Dann kam der Punkt, an dem ich überlegt habe, was ich eigentlich will. Dann bin ich auf die Modeschule gegangen.

 

7. Was wolltest du als kleines Mädchen beruflich machen?

 Damals wollte ich noch Schauspielerin werden.

 

8. Wie hat dein Umfeld auf deine Entscheidung, dich mit einer Modemarke selbstständig zu machen reagiert?

Meine Mutter ist selber selbstständig, deshalb war es in der Familie tatsächlich keine große Sache. Von Freunden habe ich oft gehört, dass sie es mutig finden, das empfand ich aber nicht so, denn ich hab mir einfach gedacht, sollte es nicht klappen, dann bewerbe ich mich einfach wieder irgendwo.

9. Hattest du Angst zu scheitern und hattest du einen Plan B?

Zu Beginn überhaupt nicht. Gedanken habe ich mir nach einigen Jahren gemacht, weil eine Rückkehr jetzt vielleicht schwieriger wäre. Im Moment ist das aber überhaupt kein Thema.

 

10. Wie ist es für dich, Gründerin eines Labels zu sein? Spielt es dabei eine Rolle, dass du eine Frau bist?

Vor 10 Jahren habe ich mein Label gegründet und vor 4 Jahren ist mein Sohn geboren. Nach der Geburt habe ich nur ein paar Wochen pausiert und dann habe ich meinen Sohn einfach zum arbeiten mitgenommen, bis er mit zwei Jahren in die Kita kam. Ebenso habe ich es mit meiner Tochter gemacht die heute 2 ist. Da fühlte ich mich manchmal schon zerrissen, aber ich würde es immer wieder so machen. Das hätte ein Mann vielleicht anders gemacht, da spielt es wahrscheinlich schon eine Rolle, dass ich eine Frau bin. Als Mutter und Gründerin versuche alles unter einen Hut zu bekommen. Die Selbstständigkeit schenkt mir mehr Freiheit in Bezug auf meine Kinder, dafür habe ich aber auch nie Feierabend.

 

11. Spielt Frauenförderung oder 'Women Empowerment' eine Rolle für dein Label?

Für mich spielt es eine große Rolle, Ungerechtigkeiten zu beseitigen und für eine faire Produktion von Kleidung und Gütern zu kämpfen. Fairness sowohl in den Nähereien, aber auch schon auf dem Baumwollfeld. Denn es ist nicht fair in einer giftigen Pestizid-Wolke arbeiten zu müssen, egal wie hoch der Lohn ist. Dabei liegen mir die Menschen am Herzen, egal welches Geschlecht und welches Alter sie haben. Einen Teil meiner Kollektion produziere in Nairobi, Kenia in einem tollen Betrieb, mit fairen und sicheren Arbeitsbedingungen.

12. Was bedeutet Feminismus für dich?

Ich bin für Gleichberechtigung in jeder Hinsicht. Als Selbstständige in meinem entspannten Umfeld fühle ich mich als Frau nicht ungerecht behandelt - in manch anderer Hinsicht aber schon. Tatsächlich denke ich, dass sich Ungleichbehandlung der Geschlechter viel bei angestellten Frauen zeigt. Ich habe das Glück ein feministisches Leben führen zu können, ohne jeden Tag dafür kämpfen zu müssen, dafür bin ich dankbar.

Dieses Glück haben andere nicht, deshalb kann ich zumindest mit einer fairen Textilproduktion meinen Teil dazu beitragen.

 

13. Gibt es für dich eine Verbindung zwischen Mode, Textilindustrie und Feminismus?

In den Nähereien arbeiten zu einem großen Teil Frauen, wenn wir also an dieser Stelle die Bedingungen verbessern können oder die Frauen das ein Stück weit selbst schaffen, dann ist das durchaus ein großer Schritt für den Feminismus, mehr Eigenständigkeit, mehr Leben. Gerade in Ländern, die noch nicht so weit mit der Emanzipation sind wie wir.

 

14. Kannst du anderen Frauen, die sich selbstständig machen wollen etwas mit auf den Weg geben?

 Habt keine Angst und lasst Euch Zeit (das würde ich allen raten, die sich selbstständig machen).

 

15. Und da es auch für uns Selbstständige nicht nur Arbeit geben sollte, die letzte Frage: Wie entspannst du am Liebsten von deiner Arbeit?

Kaffee trinken, Freunde treffen - und ab und zu ganz wichtig: Raus aus der Großstadt, dem Kopf mal Ruhe vor Eindrücken gönnen.

 

Vielen Dank für deine Antworten, liebe Anna :-)

 

 

Hier könnt Ihr Euch die Homepage und den Shop von Lena Schokolade anschauen.  Ausgewählte Teile ihrer Kollektion findet Ihr auch bei uns.


Das Interview führten wir schriftlich mit Anna im Februar 2019. Alle Fotos sind urheberrechtlich geschützt und im Eigentum von Lena Schokolade. Nicole Jäckle, März 2019.

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